Redebeitrag NoLager Bremen

Es ist nicht einfach, in Deutschland öffentlich über Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt zu sprechen, welche sich gegen Lesben, Queers, Schwule, Transgender oder Transsexuelle richtet – also gegen Menschen, die nicht heterosexuell leben bzw. die sich nicht in das starre Schema „entweder Mann oder Frau“ einfügen können bzw. wollen.

Hintergrund ist, dass die Behauptung zu einer Art Allgemeinplatz geworden ist, wonach homophobe Diskriminierung hier zu Lande keine Rolle mehr spielen würde: So erklärten laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes 88% aller Deutschen (Nicht-Deutsche wurden – wie üblich – nicht befragt), dass „die sexuelle Orientierung eines Menschen seine Privatsache sei, da solle sich die Politik nicht einmischen.“  Zur Bekräftigung wird in solchen Situationen häufig auf prominente Politiker oder Journalistinnen verwiesen, welche sich öffentlich als Lesben oder Schwule geoutet haben – was ja kaum möglich wäre, gäbe es hierzulande tatsächlich noch ernsthafte Probleme in diese Richtung. Oder es wird über andere gesprochen – über die vermeintliche Schwulenfeindlichkeit arabischer oder türkischer Jugendlicher in Berlin, über die Einschränkung individueller Freiheitsrechte in so genannten islamischen Gesellschaften, über Angriffe auf Homoparaden in Osteuropa oder über staatliche Verfolgung homosexueller Menschen im Iran, in Uganda oder Nigeria.

Das Reden über andere ist hochgradig verlogen. Es dient – jedenfalls in vielen Fällen – der Ablenkung davon, wie tief verwurzelt Homophobie immer noch ist, auch in Westeuropa bzw. Deutschland:

  • Wer über den Islam spricht, muss nicht mehr über die Homophobie christlicher Kirchen sprechen oder darüber, dass der Papst den Schutz des Regenwaldes auf eine Stufe mit dem Schutz der Menschheit vor Homo- und Transsexualität gestellt hat.
  • Wer über Todesurteile gegen Homosexuelle im Iran spricht, muss nicht mehr über Abschiebungen in den Iran sprechen – auch Abschiebungen von erklärtermaßen schwul bzw. lesbisch lebenden Menschen.
  • Wer über die Schwulen, Lesben- oder Transenfeindlichkeit arabischer Jugendlicher spricht, muss nicht mehr über rechtsextreme Jugendliche oder Hooligans sprechen, welche nicht nur Flüchtlinge und MigrantInnen angreifen, sondern auch Lesben, Transgender, Behinderte oder Punks.
  • Wer über die niedrige Akzeptanz von Schwulen und Lesben in Osteuropa spricht, muss sich nicht mehr mit der Frage auseinandersetzen, weshalb es zwar psychologische Betreuungsangebote für schwule Profifußballer gibt, weshalb sich aber bis heute kein einziger Bundesligaprofi getraut hat, sein Schwul-Sein offen und selbstverständlich zu leben.


Nun wäre es zu kurz gegriffen, das Reden über die Homophobie der anderen ausschließlich auf das Bedürfnis zurückzuführen, von den eigenen Diskriminierungspraktiken abzulenken. Denn es geht um mehr, es geht immer auch darum, politische und kulturelle Überlegenheit zu behaupten – und somit quasi durch die Hintertür Dominanz und Diskriminierung, ja Kriege und Ausbeutung zu rechtfertigen bzw. in den Hintergrund treten zu lassen. Drei Beispiele:

  • Immer noch ist die Arbeitslosenquote von Menschen mit Migrationshintergrund doppelt so hoch wie diejenige von Herkunftsdeutschen, ähnlich dramatisch ist die Situation auf dem Lehrstellenmarkt, auch dort schneiden Jugendliche mit Migrationshintergrund ungleich schlecher ab. Anstatt jedoch ernsthaft und intensiv über Diskriminierungsmechanismen im Schulsystem oder auf dem Arbeitsmarkt nachzudenken, wird die öffentliche Diskussion bereits seit Jahren von Kopftuch-Debatten, Ehrenmorden, Zwangsverheiratungen oder eben Homofeindlichkeit in migrantischen Communitys beherrscht.
  • Zweites Beispiel: Als vor einigen Wochen in Malawi im südlichen Afrika ein homosexuelles Paar nach einer Hochzeit mit mehreren hundert TeilnehmerInnen festgenommen und angeklagt wurde, ist darüber in der gesamten Weltpresse berichtet worden. Dagegen spricht natürlich nichts – wenn da nicht der Makel wäre, dass ansonsten über Malawi so gut wie nichts berichtet wird. Und das, obwohl Malawi zu jenen Ländern mit den meisten Hungernden weltweit gehört…, was seinerseits – und darauf kommt es an – eine ganze Menge mit den verheerenden Auswirkungen der EU-Agrarpolitik, der Freihandelspolitik der Welthandelsorganisation WTO, den Geschäftsinteressen transnationaler Agrarkonzere und der Verschuldungspolitik der reichen Industrieländer zu tun hat.
  • Drittes Beispiel: Wenn es um Homophobie in Osteuropa geht (insbesondere in den neuen Mitgliedsländern der EU) geht dies meist mit einem Vergleich einher: Verglichen wird die angebliche Tolleranz in der alten, der westlichen EU mit der Intolleranz in den neuen Beitrittsländern – und das in einem geradezu schulmeisterlichen Besserwisserton. Wer so spricht, möchte nicht zuletzt von der massiven Spur der Verwüstung  ablenken, welche der Übergang zur kapitalistischen Marktwirtschaft für viele Länder Osteuropas bedeutet hat: Erinnert sei nur daran – um ein einziges Beispiel zu nennen, dass in Russland vor 1989 2 Millionen Menschen in Armut gelebt haben, Mitte der 1990er Jahre hingegen 74 Millionen.


Und noch etwas: Das verlogene und von eigenen Interessen geprägte Verweisen auf die Homophobie anderer Länder, Religionen oder Communities ist nicht nur an sich problematisch. Es ist auch problematisch, weil auf diese Weise das, worum es eigentlich geht oder gehen sollte, aus dem Blick gerät: Nämlich die  massive Diskriminierung und Verfolgung, welcher Queers, Schwule, Bi’s, Lesben, Transgender und Transsexuelle rund um den Globus ausgesetzt sind: Ob im hinduistisch geprägten Indien, im katholisch bestimmten Nicaragua oder im islamischen Saudi-Arabien, Homophobie ist überall anzutreffen. In 83 Staaten wird Homosexualität strafrechtlich verfolgt, in einigen sogar mit der Todesstrafe – beispielsweise im Iran, wo seit 1979  über 4000 Menschen wegen ihrer angeblichen oder tatsächlichen Homosexualität hingerichtet wurden. Aber nicht nur der Staat sowie Kirchen- bzw. Religionsführer treiben die Diskriminierung voran, auch NachbarInnen und Verwandte sind beteiligt. Ein Umstand, welcher die Betroffenen oftmals in eine Situation völliger Auswegslosigkeit bringt – wie es ein Flüchtling aus einem afrikanischen Land unmissverständlich auf den Punkt gebracht hat: „Es ist verrückt: Geben wir nicht zu, dass wir schwul sind, töten wir uns selbst. Geben wir es zu, werden wir getötet.“

Gerade weil die Situation ist, wie sie ist, sollten wir darauf achten, uns nicht gegeneinander ausspielen zu lassen (wie das immer wieder versucht wird): Antirassismus und der Kampf gegen Homophobie sind keine Gegensätze, sie gehören zusammen, so wie ohnehin kein Weg daran vorbeiführt, die unterschiedlichsten Kämpfe systematisch zusammenzuführen. In diesem Sinne fordern wir:

Homophobie stoppen!
Für globale Bewegungsfreiheit!
Gleiche politische, soziale und individuelle Rechte für alle – nicht nur hier, sondern weltweit!

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